Montag, 12. Januar 2026

Lisa Hofmaninger & Renate Welsh im Jazzit Salzburg

Die österreichische Jazzmusikerin Lisa Hofmaninger (Sopransaxophon und Bassklarinette) tritt immer wieder als Komponistin hervor. So auch dieses Mal mit einem Programm, das sie mit Texten der bekannten Schriftstellerin Renate Welsh verwebt. Schon vorher haben sie die Werke der 2024 verstorbenen Ilse Helbich zu musikalischen Werken inspiriert. Für die Realisierung ihres neuen Programms hat sie sich ein Ensemble von Musiker:innen (Isa Kargl als Sängerin, Helene Glüxam am Kontrabass, Christoph Lenz an der Bratsche, Florian Sighartner an der Violine)  und Sprecherinnen (Sarah Jung und Martina Spitzer) zusammengeholt. Literarisches Grundthema ist die Lebensbewältigung und zwar besonders in Zeiten der Unterdrückung und Verfolgung während des Nazi-Regimes. Somit ist die Grundstimmung eher die des Blues, der auch die musikalische Klammer des Jazz&Poetry-Abends bildet. Neben rein musikalischen Passagen ist es vor allem das stimmige und gleichermaßen spannungsgeladene Zusammenspiel von Sprache, Gesang und Instrumentalmusik, das die sensibel durchkomponierte Aufführung interessant und packend macht. Die bedrückenden Szenen aus der Nazi-Zeit haben sich konsequenter Weise auch in der Art der Begleitmusik ihren Ausdruck gefunden und ich hätte mir manchmal eine hoffnungsvollere Stimmung gewünscht. Natürlich gibt es auch immer wieder Mut machende Lyrik von Renate Welsh. Der Blues lässt sich damit aber nicht vertreiben. Die wunderbaren Arrangements und die musikalische und sprachliche Qualität des Dargebotenen bleiben als dominierende Eindrücke dieses spannenden Abends zurück. Das Publikum im vollen Saal des Jazzit zeigt sich von der Leistung der Komponistin und der Aufführenden ebenfalls stark begeistert.
 

Sonntag, 11. Januar 2026

MoserTrio im Kulturhaus Emailwerk Seekirchen am Wallersee

Klaviertrio ist nicht gleich Klaviertrio. Das mir geläufigere ist das Jazztrio, bestehend aus Klavier, Kontrabass und Schlagzeug. Weniger musikalische Erfahrung habe ich mit dem klassischen Klaviertrio mit Klavier, Cello und Violine. Im Kulturhaus Emailwerk Seekirchen am Wallersee bietet sich mir nun die Gelegenheit, das"klassische" MoserTrio kennenzulernen, bestehend aus Lukas Moser am Klavier, Florian Moser an der Violine und Sarah Moser am Cello, die dort ihr Heimspiel unter dem Titel "Nachtmusik - eine kleine Lärmbelästigung" absolvieren. Das Konzert beginnt auch so, wie ich mir das vorstelle, mit einem Klaviertrio von W. A. Mozart. Doch ein Blick auf den Programmzettel verrät, dass es nun mit einem Klaviertrio des mir als Jazzmusiker bekannten Werner Pirchner (ich habe ihn in den 1980er selbst live erlebt) weitergeht. Und damit beginnt auch schon die eigentliche "Lärmbelästigung", denn Werner Pirchner ist eher ein exaltierter Vertreter der schrägen, disharmonischen Töne. Auch die folgenden Eigenkompositionen von Lukas Moser stellen Stilelemente von Neuer Musik und Jazz in den Vordergrund, insbesondere im titelgebenden Stück "Eine kleine Lärmbelästigung" in Abwandlung von Mozarts "Eine kleine Nachtmusik". Stücke von Arvo Pärt und Lili Boulanger bringen wieder etwas "Ruhe" ins Programm. Bei den Zugaben komme ich als Jazzliebhaber dann voll auf meine Rechnung. Denn da erklingt zuerst eine erstaunliche Bearbeitung von Joe Zawinuls "Birdland" und zuletzt ein zärtliches "My Funny Valentine" im klassischen Klaviertrio-Gewand. Der Unterschied zwischen klassischem Trio und Jazztrio verschwimmt dabei ganz offenkundig. Die Grenzen zwischen "klassischer" Musik und Musik der Moderne sind aufgehoben und spielen keine Rolle. Meine Freude über die Zusammenführung musikalischer Welten ist groß, ebenso über die künstlerische Qualität der Musizierenden. Das volle Haus des Emailwerks zeigt sich ebenfalls vollauf begeistert.
 

Samstag, 10. Januar 2026

"Stay well!" - Lieder von Kurt Weill im Spielraum Gaspoltshofen

Ja, ich bin ein Bewunderer von Kurt Weill, wie es viele Musiker:innen (auch aus der Welt des Jazz) ebenso sind, was die vielen Bearbeitungen seiner Werke beweisen. Dass ich eine Aufführung von Liedern dieses großen Komponisten nun auch live im intimen Rahmen des Spielraums Gaspoltshofen erleben darf, freut mich ganz besonders. Die beiden Künstlerinnen Kerstin Turnheim (Mezzosopran) und Katia Borissova (Klavier) haben dafür 16 Lieder Weill's aus seiner Zeit ab 1933 im französischen und dann im US-amerikanischen Exil ausgewählt und kommunizieren dazu auch die Umstände ihrer Entstehung. Manche davon sind bekannter (aus Die 7 Todsünden), andere weniger. Alle jedoch zeichnet Weill's unverkennbarer melancholischer Grundton aus, der die Schwierigkeiten menschlicher Existenz im herrschenden Gesellschaftssystem reflektiert, wobei der Komponist nur mit den besten Textautoren kooperiert hat (siehe Bertolt Brecht). Ein Lied ist schöner als das andere. Besonders beeindruckt haben mich das Titelstück "Stay well" aus "Lost in the stars" und "I'm a stranger here myself" aus "One touch of Venus". Die Vortragskunst der beiden Musikerinnen ist beeindruckend, was sowohl den Gesang als auch das Klavierspiel betrifft. Lieder voller Sehnsucht (z. B. Youkali) und zugleich voller Realitätssinn lösen bei mir starke Gefühle aus. Als Zugabe erklingt dann doch noch ein Lied aus der Dreigroschenoper, die Weill in Deutschland berühmt gemacht hat. Am Ende gibt es zurecht stürmischen Applaus für einen Komponisten von Weltrang und dessen würdige Interpretinnen.
 

Freitag, 9. Januar 2026

Frödl im OKH Vöcklabruck

Ein weiterer Abend der Reihe "thursdays4jazz" ist im OKH Vöcklabruck angebrochen, dieses Mal mit Jazz-Rock und Jazz-Funk von vier österreichischen Musikern, die sich "Frödl" nennen, angelehnt an die Namen des Gitarristen Liz Schrödl und des Bassisten und Saxophonisten Nico Fedrigo. Am Keyboard zu hören ist Dieter Stemmer, und Urge Kirchner spielt das Schlagzeug. Jazz-Rock ist nicht unbedingt meine erste Liebe, allerdings gibt es in diesem Genre, wie sonst auch, gute und schlechte Musik. Frödl zähle ich zu den Vertretern guter Musik. Alle Kompositionen stammen von der Band und sind reich an melodiösen und rhythmischen Einfällen. Sie orientieren sich an Rock- und Funkrhythmen, auch Ska- und Balkan-Beat-Anklänge bekommt man zu hören. Grundelemente sind immer Rhythmus und Rhytmuswechsel mit wechselnder Dynamik und durchaus singbare Melodielinien. Auf Gesang will die Band allerdings verzichten und konzentriert sich ganz im Sinne der Jazz-Philosophie aufs solistische Improvisieren, wobei jeder seinen Beitrag leisten darf. Nico Fedrigo spielt dabei nicht nur den E-Bass, sondern greift auch bei manchen Stücken zum Tenorsaxophon. Die kräftigen Basslinien sind dann die Sache von Dieter Stemmer am Keyboard, der auch seine Freude an originellen synthetischen Klängen hat. Das Ganze ergibt eine stimmige Fusion mit viel Spielfreude und Kontakt zum Publikum, das die Darbietung mit viel Applaus zu würdigen weiß.

Sonntag, 4. Januar 2026

"Der Fremde" im Programmkino Wels

Die Philosophie des Existentialismus von Sartre und Camus interessiert mich schon seit meinen Teenager-Jahren, der französische Filmregisseur François Ozon hat mich zum ersten Mal 2004 mit seinem Film 5x2 beeindruckt. Nun gibt eine Kombination aus Beidem: Ozon hat das bekannteste Werk von Albert Camus "L'Étranger" in seinem neuesten Film verarbeitet. Die Handlung spielt in den 1930er Jahren in Algier und man fühlt sich auch filmtechnisch in diese Zeit zurückversetzt. Das verwendete Schwarz-weiß-Format reduziert die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das Wesentliche, vor allem auf die Mimik und Gestik des Protagonisten Mersault (gespielt von Benjamin Voisin), dessen Haltung der Gesellschaft und des Lebens selbst gegenüber im Mittelpunkt der Textvorlage wie auch des Film steht. Diese "neutrale" Haltung, die ihm den Vorwurf der Gefühllosigkeit einbringt, führt schließlich zum Todesurteil für Mersault, der einen Widersacher erschossen hat. Fremd ist "Der Fremde" vor allem deshalb, weil er den gängigen Moralvorstellungen der Gesellschaft nicht entspricht, sondern dem Leben mit einer offeneren, wertfreien Einstellung entgegen tritt und daher auch mit den Wertvorstellungen der christlichen Religion nichts anfangen kann. Ozon stellt das Geschehen zielstrebig und schnörkellos und mit einem offenen Ende dar. Ganz im Sinn von Bertolt Brecht sieht man als Kinobesucher "den Vorhang zu und alle Fragen offen".