Montag, 24. November 2025

Luciano Biondini, Michel Godard und Lucas Niggli im Jazzit Salzburg

Die Zeit des Jazzit-Musiksalons ist wieder gekommen. Dabei gibt es Konzerte an Sonntagnachmittagen den Winter über. Diesen Sonntag war ein Trio zu Gast, bestehend aus dem italienischen Akkordeonisten Luciano Biondini, dem französischen Bassisten Michel Godard (Tuba, Serpent und E-Bass) und dem Schweizer Schlagzeuger Lucas Niggli. Ich mag Akkordeon und seine Ausdruckskraft, mir gefällen komplexe und zugleich subtile Basslinien, und bei den Schlagzeugern schätze ich jene besonders, die die klanglichen Möglichkeiten des Instruments voll auszuschöpfen wissen. Was das Trio auf dei Bühne bringt, ist einfach Musik, die keine Grenzen kennt. Volksmusikalische Elemente sind ein wichtiger Bestandteil, die Freiheit des Jazz ist garantiert und manchmal klingt es sogar nach barocker Kammermusik, vor allem dann, wenn Michel Godard das alte Barockhorn, den Serpent, einsetzt. Dabei geht es nicht immer ruhig zu und kollektive Energieausbrüche kann es schon ab und zu geben. Was mich allerdings am meisten berührt hat, sind Passagen voller musikalischer Zärtlichkeit und klanglicher Schönheit. Der Band gelingt es mit einfachen Mitteln eine verführerische Klangpoesie zu kreieren, die das Publikum in seinen Bann zieht. Der wunderbare Raum des Jazzit-Saals ist dafür auch der ideale Ort.
 

Samstag, 22. November 2025

Yasmo & die Klangkantine im OKH Vöcklabruck

Die Wiener Rapperin Yasmin Hafedh ist nicht zum ersten Mal Gast im OKH Vöcklabruck und ich habe sie hier schon früher einmal live gehört. Was mir an der Band gefällt, ist ihre große Jazz-Affinität. Eigentlich ist Yasmo's Begleitband fast eine Jazz-Bigband bestehend aus Schlagzeug, Bass, E-Gitarre, Keyboard und einem vierstimmigen Bläsersatz mit zwei Saxophonen, Trompete und Posaune. Hier wird also rhythmischer, funkig-grooviger, orchestraler Jazz geboten, bei dem auch das Improvisieren einzelner Stimmen und auch im Kollektiv möglich ist. "Augen auf und durch" nennt sich das neue Programm der Rapperin und auch das neue Album. Da geht es um Alltagsbewältigung, um Hinschauen statt Wegschauen, um das Wachbleiben trotz aller Krisen wie Leistungsdruck, Klimawandel und Rechtsruck der Gesellschaft. "Das gute Leben" heißt einer der Titel und die Kritik spricht von trotzigem Optimismus, um die Stimmung des neuen Programms auf einen Punkt zu bringen. So habe ich das auch erlebt. Sich nicht unterkriegen lassen: "Bildet Banden" lautet dazu ein Titel des neuen Albums. Yasmo und ihre Band erzeugen eine positive Stimmung, die sich auch stark auf dem Humor begründet, der in den Texten Yasmo's eine große Rolle spielt. Das Publikum im OKH genießt diesen Mut machenden Energieschub und bedankt sich mit großem, begeistertem Beifall.

 

Lizki im OKH Vöcklabruck

Das OKH Vöcklabruck ist ein Ort, an dem ich mich auch immer wieder weiterbilde, was den Bereich Alternative Pop betrifft. Der Name Lizki war mir bisher nicht bekannt, genauso wenig, wie ich eine Lena Britzelmair aus München kannte. Nun weiß ich, dass es hier um eine Band aus dem rockigen Elektro Pop-Genre handelt, die mit Schlagzeut, Bass, E-Gitarre, Keyboard, einer beträchtlichen Menge an Elektronik und eben dieser jungen Sängerin aus München daherkommt, die jetzt in Berlin lebt und auch schon in Wien zuhause war. Der Gitarrist der Band ist mir sofort bekannt vorgekommen, weil es sich um einen jetzt in Berlin lebenden Vöcklabrucker mit Künstlernamen Ant Antic handelt, der auch an der Produktion des neuen Albums der Band beteiligt war. Die hohe, markante und durchdringende Stimme der Sängerin dominiert die Songs, die stark rhythmisch geprägt sind mit elektronisch unterstützten Sounds der verwendeten Instrumente. Auch die Stimme selbst bekommt ein Sound-Tuning verpasst, was sie noch eindringlicher macht. Dass das Ganze keine ruhige Sache ist, zeigt sich auch am Bewegungsumfang der Frontfrau, die oft ihren Standort wechselt. "Loosing Grip in a Chaotic World" nennt sich das aktuelle Album von Lizki, in dem es um die innere Haltung zu sich selbst und der Welt gegenüber geht. Lizky kann damit beeindrucken und das Publikum ansprechen, das sich mit hoher Aufmerksamkeit und reichlich Applaus bedankt.
 

Dienstag, 18. November 2025

Monday Night Orchestra im Schl8hof Wels

Einmal im Monat an einem Montag spielt das Monday Night Orchestra im Schl8hof Wels auf, und manchmal höre ich mir das an. Die Chefs dieser Bigband mit öfter wechselnder Besetzung sind die beiden Posaunisten Hermann Miesbauer, der auch als Conferencier in Erscheinung tritt, und Manfred Aschauer. Jeder Montag hat sein eigenes Motto. Dieses Mal lautet es "Law and Order", bezogen auf die ungeschriebenen Gesetze, die auch im Jazz gelten. Die dargebotenen Titel des Abends stehen damit in losem Zusammenhang. Das Monday Night Orchestra präsentiert dabei Arrangements berühmter Big-Bands des vergangenen Jahrhunders, speziell aus der Swing-Ära. Dieses Mal war Woody Herman mehrmals dran. Auffällig oft wurden dieses Mal auch Stücke aus der Bebop-Ära gespielt, wie z. B. von Charlie Parker und Thelonious Monk. Die Sängerin Bonnie Sinkowics ist auch fast immer dabei und kam auch dieses Mal für ein paar Lieder zum Einsatz. Die solistischen Beiträge sind eher kurz gehalten. Das Verdienst des Monday Night Orchestras ist es, dass es dem Publikum ein bedeutendes Stück Jazz-Geschichte vermittelt, einerseits durch die Aufführung historischer Big-Band-Arrangements und andererseits durch die von Hermann Miesbauer zwischendurch vorgetragenen, meist witzigen Anekdoten aus dem Leben großer Jazzmusiker-Persönlichkeiten. Die Big-Band schafft es somit, dass auch an Montagen der halbe Saal des Welser Schl8hofs mit aufmerksamen Zuhörer:innen gut gefüllt ist.
 

Samstag, 15. November 2025

Rudi Berger & The Three World Band im Rossstall Lambach

Man merkt dem Wiener Jazz-Geiger mit starker Brasilien-Connection, Rudi Berger, seine 70 Lebensjahre kaum an, wenn er mit großer Intensität seine Geige erklingen lässt. Er ist der Leader einer Band, die international daher kommt mit zwei Österreichern (Rudi Berger und Pepi Kramer als Perkussionist), drei Brasilianern (Ricardo Fiuza an den Keys, Oswaldo Amorim am E-Bass und Mauro Rodrigues an den Querflöten) und dem Italiener Davide Giovannini am Schlagzeug. Es sind in der Hauptsache Eigenkompositionen von Rudi Berger, welche die hervorragenden Musiker interpretieren, wobei ihnen allen tatsächlich eine brasilianische Note innewohnt. Manchmal klingt das Ganze auch ziemlich orchestral, was auch am Einsatz elektronischer Klänge des Keyboarders liegt. Das rhythmische Element kommt natürlich keinesfalls zu kurz, dafür sorgen die beiden Drummer und auch das hervorragende Bassspiel von Oswaldo Amorim, das mich besonders beeindruckt hat. Freiräume für individuelles Improvisieren gibt es genug für alle Beteiligten. Der Violinensound bedient sich elektronischer Hilfsmittel, ebenso jener der Querflöten. Selten erklingt purer Geigenton, den ich besonders schätze. Ein besonders intimer Moment entsteht für mich, als sich die Band für ein Stück zum Duo reduziert: Violine und Bass improvisieren gemeinsam über das wunderbare "Alone Together". Wie sehr die intime Club-Atmosphäre des Rossstalls auch von Musiker-Seite geschätzt wird, merkt man auch an diesem Abend, der mit begeistertem Publikumsapplaus endet.
 

Freitag, 14. November 2025

Homebound Quartett im OKH Vöcklabruck

So "homebound", wie sie sein sollten, waren die beteiligten Musiker dieses Jazzabends im Rahmen von "thursdays4jazz" im OKH Vöcklabruck dann doch wieder nicht, denn es gab mehrere krankheitsbedingte Ausfälle. Somit kommen auch Musiker aus Wels (Andreas See am Tenorsax) und  Bad Ischl (Lukas Aichinger am Schlagzeug) zum Einsatz. Der Pilsbacher Philipp Wallner spielt Gitarre und Thomas Milacher den E-Bass. Eine zeimlich zusammengewürfelte Band also, die anfänglich etwas verhalten, im Laufe des Abends zu großer gemeinsamer Form aufgelaufen ist. Gespielt wird das, was jeder gelernte Jazzer sowieso kennt, nämlich ein Repertoire aus geläufigen Jazz-Standards von "All The Things You Are" angefangen über "Polka Dots And Moonbeams" und dem wunderbaren "Darn That Dream" bis zu Coltrane's "Impressions". Dass das Quartett aus Vollblutmusikern besteht, beweisen auch deren Improvisationskünste, die sie reichlich unter Beweis stellen können. Dabei wird der Jazz nicht neu erfunden, sondern solides Modern-Jazz-Handwerk abgeliefert, welches das Publikum in der gut gefüllten OKH-Bar vollauf begeistern kann, auch wenn es nicht der letzte Schrei ist.
 

Donnerstag, 13. November 2025

Spirit of Musicke im Kardinal-Schwarzenberg-Saal Salzburg

Ich mag Barockmusik aufgrund ihrer scheinbaren Einfachheit, der strengen Form, der Vorhersehbarkeit und auch wegen der rein akustischen Instrumente, mit denen sie gespielt wird. Im Rahmen des Zyklus "Frauenstimmen" hatte ich die Gelegenheit, ein Quartett zu hören, das sich zur Aufgabe gemacht hat, ausschließlich Komponistinnen vor den Vorhang zu holen. Mit dem Programm "Women4Baroque" bringen die vier Musiker:innen, Maria Loos (Blockflöten), Lukas Praxmarer (Barockvioline), Gabriele Ruhland (Barockcello, Viola da Gamba) und Veronika Braß (Cembalo) Kompositionen verschiedener Komponistinnen des 17. und 18. Jhdts. zur Aufführung, wobei mir die Werke einer gewissen "Mrs. Philarmonica" aus London am besten gefallen haben. An der Aufführung schätze ich durch Verzicht auf Elektronik unverfälschten Klang der Instrumente, der sich möglichst nahe am Original der Entstehungszeit orientiert. Großes Können und Einfühlungsvermögen zeichnet die Musizierenden aus, sowohl bei den langsam-getragenen wie auch bei den schnellen Passagen. Und wenn ich bei der von Elisabeth-Jacquet de la Guerre komponierten Sonata Nr. 5 für Violine und Basso continuo genau hinhöre, so taucht plötzlich in der "Courante" der "Walking Bass" aus dem Jazz des 20. Jhdts. auf der gezupften Viola da Gamba auf. So weit liegen musikalische Welten oft gar nicht auseinander. Barockmusik kann auch heute noch begeistern und berühren. Im Kardinal-Schwarzenberg-Saal in Salzburg war es an diesem Abend jedenfalls der Fall.
 

Mittwoch, 12. November 2025

Craig Taborn im Bechstein Centrum Linz

Craig Taborn aus Detroit war mir bisher nicht bekannt, Künstler, mit denen er in Verbindung steht (Dave Douglas, Marty Ehrlich, Roscoe Mitchell und Tim Berne), allerdings schon. Dementsprechend klingt er auch am Klavier - ziemlich avantgardistisch im Sinne des Überschreitens der engeren Jazz-Piano-Grenzen in Richtung großer Offenheit und stilistischer Vielfalt. Schon mit den ersten kräftigen Anschlägen vor allem der linken Hand führt er mich in seine Welt des Klavierspiels ein. Sie ist geprägt von unreinen tiefen und mittleren Akkorden, die sich tranceartig wiederholen, oft schlagartig abbrechen, weil ein anderes Thema Oberhand gewinnt. Seine Anschlagsqualität erinnert mich bisweilen an die eines Hardrock-Gitarristen: Craig Taborn rockt den Flügel im Bechstein Centrum ordentlich, er holt alles heraus, was dieses wunderbare Instrument hergibt. Auch der Einfluss der Minimal Music kommt für mich beim Zuhören zur Geltung. Wiederholung mit allerlei kleinen zeitlich-rhythmischen Verschiebunen prägen manche Stücke. Dazwischen blitzt auch auf, dass er Craig Taborn auch die schnellen, perlenden Läufe in den höheren Lagen virtuos beherscht. Sie sind allerdings nur das schmückende Beiwerk zu seinen Hammerschlägen, die er dem Bechstein-Flügel verpasst. Ja, so gehört ein Klavier behandelt, finde ich in dem Moment, als sich der Künstler am Ende seiner Darbietung vor dem begeistert applaudierenden Publikum verbeugt. Selten noch habe ich einen Pianisten erlebt, der eine derart eigenständige und selbstbewusste musikalische Sprache spricht wie Craig Taborn.
 

Dienstag, 11. November 2025

Gabriel Bianco im Solitär der Uni Mozarteum Salzburg

Die Universität Mozarteum ist für mich als Hörer von Livemusik noch ziemliches Neuland, mit dem ich mich anfreunden will. So habe ich anlässlich des gerade stattfindenden "International Guitar Festival" mit Brasilien-Schwerpunkt nun ein Solo-Gitarrenkonzert des jungen Franzosen Gabriel Bianco besucht. Der Saal im Solitär ist wunderbar, vor allem, wenn man in der ersten Reihe sitzt. Die Musik kommt dabei ohne jegliche elektronische Verstärkung bei mir an, wobei die akustischen Eigenschaften dieses Saales hervorragend sind. Der französische Gitarrenvirtuose trägt Stücke von Komponist:innen aus den letzten zwei Jahrhunderten vor. Erstaunlich für mich ist, wie er das macht. Er verleiht den den Kompositionen Ausdruck und Gefühlsleben, indem er es versteht, Betonungen zu setzen, rhythmisch Spannung zu erzeugen und den Spielraum zwischen laut und leise bis ins Extrem auszuloten. Sogar die Stille erhält in seinem Spiel einen bedeutenden Stellenwert. Bei manchen Stücken dominiert der klassisch-romantische Touch, bei manchen ein spanisch-lateinamerikanisches Feeling. In Erstaunen versetzt hat mich schließlich ein Stück, das mit den klassischen Konventionen bricht und in dem plötzlich Elemente von Popmusik, Jazz und Blues in Andeutung auftauchen. Gabriel Bianco ist ein Gitarrist, der nicht nur durch Technik besticht, sondern ein Künstler, der mich durch sein emotionales Spiel tief drinnen berühren kann. Damit erntet er auch die Sympathie des Saalpublikums, das sich von seiner Performance vollauf begeistert zeigt.

 

Sonntag, 9. November 2025

Unlimited39 im Schloss Puchberg

Ein zweiter (Nachmittags)Besuch beim Music Unlimited-Festival ist sich auch noch ausgegangen. Im neuen Veranstaltungssaal des Schlosses gab es drei Konzerte, ein Solo, ein Duo und ein Trio. Solo aufgetreten ist die französische Saxophonistin Sakina Abdou, zuerst mit dem Tenorsaxophon und anschließend auch noch mit dem Altsaxophon. Beeindruckend für mich ist vor allem ihr Ton am Tenorsax, der alle möglichen Facetten zeigt, die aus diesem Instrument herauszuholen sind. Kraftvoll und bestimmt sind ihre Improvisationen mit Mehrstimmigkeit und Schwebungen angereichert. Dafür erobert sie sich nicht nur die Bühne, sondern zieht ihre Wege durch den ganzen Saal und lotet dabei die unterschiedlichen akustischen Eigenschaften verschiedener Stellen im Raum aus. Anders klingt das Altsax. Es bewegt sich mehr in traditionellen Bahnen improvisierender Kunst. Ein Duo aus den Niederlanden bilden Ig Henneman an der Viola und Ab Baars an Saxophon, Klarinette und Flöte. Auch sie improvisieren auf ihren Instrumenten, wobei mir die leisen Stücke lieber waren als die lauten Ausbrüche. Schließlich kommt noch ein internationales Trio zum Einsatz. Ming Wang, ursprünglich aus Taiwan, spielt ein chinesisches Saiteninstrument, eine Guzheng, die sie sowohl zupft, streicht und schlägt, um ein breites Spektrum an klanglichen Möglichkeiten auszuschöpfen. Der Trompeter Thomas Berghammer zeigt die Sound-Vielseitigkeit seiner Trompete und die Italienerin Isabella Forciniti bedient einen elektronischen Klangerzeuger, der so ziemlich alles kann, von Gekratze und Gezirpe angefangen über tiefgründige Basswellen bis zu rhytmischen Fähigkeiten. Aus allen diesen Komponenten gelingt es den drei Künstler:innen einen wunderbaren klanglichen Fluss mit allerlei Strudeln und Stromschnellen zu erzeugen, dem ich mich als Zuhörer gerne hingebe. 
 

Charles Lloyd Sky Quartet im Porgy & Bess, Wien

31 Jahre war es her, als mich Charles Lloyd in Bad Goisern zum ersten Mal live beeindruckt hat. Den jetzt 87-Jährigen noch einmal zu hören und zu sehen, war mir ein Bedürfnis. Im "Porgy" gab es nun diese Gelegenheit, dieser Saxophon-Legende aus nächster Nähe in Club-Atmosphäre zu begegnen. Der Saxophonist hat sich mit exzellenten Musikern zusammengetan (Jason Moran am Klavier, Larry Grenadier am Kontrabass und Kweku Sumbry am Schlagzeug), mit denen er ein klassisches Jazz-Quartett bildet. Modern Jazz mit sowohl lyrischer als auch stellenweise sehr kraftvoll-expressiver Note wird geboten, wobei viel Raum für individuelle Improvisationskünste der Beteiligten offen steht. Larry Grenadier kann somit seine Meisterschaft im präzisen und kraftvollen Bassspiel beweisen. Jason Moran hat einen  Anschlag am Klavier wie ein Karate-Meister. Charles Lloyd hat nichts an seinem vollen und zugleich filigranem Ton am Tenor-Sax verloren, beherrscht allerschnellste Läufe und "schreit" mit seinem Instrument noch immer voller Expressivität. Auch seine zarte Seite kommt besonders dann zur Geltung, wenn er zur Querflöte greift. "The Sky Will Still Be There Tomorrow" nennt er sein Album aus 2024, aus dem die meisten Kompositionen stammen. Eine hat mit besonders beeindruckt: "The Ghost of Lady Day", eine Hommage an Billie Holiday, in der Charles Lloyd das todtraurige und zugleich anklagende "Strange Fruit" auf ein eindringliche Weise erklingen lässt, die mich zutiefst ergreift. Mit so einer Musik kann man dem Himmel schon sehr nahe kommen.
 

Samstag, 8. November 2025

Unlimited39 im Schlachthof Wels

"Bei diesem Festival schaut man über den Horizont des Bekannten, weil man das darüber hinaus Mögliche will." (Siegfried A. Fruhauf) Daher hat es mich auch heuer wieder hingezogen zum ersten Abend dieses dreitägigen Events. Großorchestral hat das Ganze am Freitagabend begonnen mit dem "Vienna Improvisers Orchestra", bestehend aus Streichern, Bläsern, Gesang, Schlagzeug und Electronics, das mit mächtigen Kollektivimprovisationen beeindruckt hat. Als Kontrast kommt als nächster Künstler ein Einzelkämpfer auf die Bühne, der Schlagzeuger Frank Rosaly mit seinem Programm "Bimini", ein US-Amerikaner mit lateinamerikanischen Wurzeln. Er erzeugt auf seinem überdimensionierten Schlagzeug Klänge und Rhythmen, die mich ganz in ihren Bann ziehen. Das ist Musik, die tief in mich eindringt. Sie basiert auf "zeremoniellen Praktiken, rituellen Prinzipien und alten Trance-Techniken", wie im Programmheft zu lesen ist. "Torquoise Dream" kommt ganz ohne Schlagzeug aus. Klavier, Cello, Violine und Gitarre kommen hierbei nicht ihren "klassischen" Aufgaben nach, sondern dekonstuieren diese, indem sie der freien Klang- und Rhythmuserzeugung dienen. Den Abschluss des Abends bildete eine neu zusammengestellte Band aus füng Improvisationstalenten, die sich "The New Quintet" nennt. Diese amerikanisch-österreichische Verbindung mit eigentlich klassischer Jazz-Quintett-Besetzung (Klavier, Bass, Bläser, Schlagzeug) huldigt ebenfalls der freien Impfovisation, wobei mich die Expressivität jedes einzelnen Bandmitglieds begeistert hat. Schön, dass es Music Unlimited nun schon zum 39. Mal gibt und somit wieder Musik der unbegrenzten Möglichkeiten.

Freitag, 7. November 2025

Matthias Löscher und J Hoard in der Stadtwerkstatt Linz

In der Stwst Linz war ich bisher noch nie. Doch Matthias Löscher hat mich hingelockt. Ich kenne ja diesen Gitarristen mit Salzburger Wurzeln schon länger, allerdings nicht mit seinem Projekt "Songs of Life", das er gemeinsam mit dem Sänger Jonathan Hoard aus NYC (wo auch Löscher jetzt lebt) bestreitet. Es sind ruhigere Töne, die der Gitarrist hier anschlägt und stilistisch recht unterschiedliche, ohne dass er auch seine zahlreichen "Pedals" dabei verzichtet. Es geht also dieses Mal um Lieder, die Matthias Löscher im Laufe seiner Entwicklung als Musiker geschrieben hat. Gesungen werden sie von J Hoard, der unverkennbar dem Genre Gospel und Soul entstammt. Die Lieder sind eher in der Kultur der Schwarzen in den USA verwurzelt als in der europäischen Liedtradition. Kraftvoll und lebensbejaend wirken die Stücke, auch wenn sie von die Mühen des Lebens handeln. Somit herrscht eine recht erbauliche Stimmung sowohl auf der Bühne als auch im Publikum der Linzer Stadtwerkstatt. Sowas will ich gerne bald wieder hören.
 

Mittwoch, 5. November 2025

Eingang Quintett im Schl8hof Wels

Julian Eingang ist ein junger österreichischer Bassist, der zurzeit in Hamburg lebt. Er leitet ein klassisches Jazz-Quintett mit Balint Banyó am Klavier, Matthäus Schnöll am Schlagezeug und den beiden Bläsern Adonis Athineos (Altsax und Flöten) und Jonas Friesel (Trompete und Flübelhorn). Weniger klassisch sind seine Eigenkompositionen, die Elemente diverser Musikstile enthalten. Das Jazzelement der Improvisation aller Beteiligen kommt allerdings reichlich zum Einsatz. Die Kompositionsgebilde sind ziemlich komplex und recht unterschiedlich, was ihre Expressivität betrifft. Manche tragen auch recht meditative Züge in sich. Am besten gefallen haben mir die Improvisationsausflüge von Jonas Friesel, vor allem wenn er am Flügelhorn unterwegs ist. Die Unaufgeregtheit des Altsaxophonisten hat mit beeindruckt, die Vielseitigkeit des Klavierspiels von Balint Banyó ebenso. Julian Eingangs Bassspiel ist lebendig und kreativ und weit davon entfernt, sich nur aufs Begleiten zu beschrängken, dasselbe gilt auch für den Schlagzeuger. Die Band macht gemeinsam ihr eigenes Ding, was durchaus als Kompliment zu verstehen ist.
 

Montag, 3. November 2025

Ferdinand Raimund - der ganze! im Schauspielhaus Salzburg

Die Regisseurin und Musikerin Anna Marboe (vulgo Anna Mabo) hat sich gemeinsam mit dem Schauspieler Vincent Sauer mit den Werken Ferdinand Raimunds auseinander gesetzt, um sie zu einem Musical zu verarbeiten. Das Wiener Rabenhoftheater und das Salzburger Schauspielhaus haben das ermöglicht. Zu fünft gelingt es den beteiligten Musiker:innen und Schauspieler:innen, eine bunte, ziemlich atemlos dahingaloppierende Parade an Szenen und Songs auf die Bühne zu bringen. Zusammengehalten wird das Ganze von einer Liebesgeschichte zwischen Ferdinand Raimund (Isabella Knöll) und Anna Mabo (Vincent Sauer), die mithilfe von Motiven aus den Raimund-Stücken durch alle Höhen und Tiefen führt. Raimunds Zauberfeen, seine Allegorien wie Vergänglichkeit oder Zufriedenheit und sogar seine bekanntesten Lieder wie das "Hobellied" und "Brüderlein fein" dürfen dabei nicht fehlen. Dazu kommt eigenes Songmaterial von Anna Mabo, das sie und zwei Musiker (Clemens Sainitzer am Cello und Alexander Yannilos am Schlagzeug) beisteuern. Die Musiker:innen spielen auch unterschiedliche, kleinere Rollen im Stück. Buntheit und Rasanz sind die Eigenschaften, die dieses Musical für mich am besten charakterisieren. Stilistische Anlehnung an das Wiener Volkstheater sowie an die Slapstick-Komödie prägen die Aufführung. Die Raimund-Auseinandersetzung mündet somit bei Anna Mabo in einen regelrechten "Bahö", wienerisch korrekt ausgedrückt. Dem Publikum scheint er gefallen zu haben.
 

Samstag, 1. November 2025

"Wiener Blut" im Musiktheater Linz

Johann "Schani" Strauss hat seinen Denkmalsockel im Wiener Stadtpark verlassen, um bei der ihm zugeschriebenen Operette "Wiener Blut" im Musiktheater Linz mitzuwirken. Der reale Johann Strauss (Sohn) erlebte die Uraufführung 1899 nicht mehr. Eigentlich besteht die Operette aus einer Kompilation früherer Strauss-Werke, die der damalige Kapellmeister des Theaters an der Wien, Adolf Müller, zusammengestellt hat. Verknüft wurde das Ganze mit der Handlung einer seichten amorösen Verwechslungskomödie. Die Linzer Inszenierung lebt vom Bühnenbild, von den gesanglichen und schauspielerischen Leistungen des Ensembles, von der Choreographie und natürlich von der beeindruckend dargebotenen Musik. Anklänge an Nestroy-Figuren und Hans-Moser-Typen finden sich und eine Couplet-Einlage ganz im Stil des Wiener Volkstheaters. Daraus ergibt sich trotz der dreistündigen Dauer eine recht kurzweilige und unterhaltsame Aufführung, die vom Publikum mit viel Applaus goutiert wird. Ich habe mich ebenfalls gut amüsiert.